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Der große Trugschluss

Immer wieder wird von den „Erwachten“ gebetsmühlenartig der Satz wiederholt „Da ist niemand“ und „Du bist DAS“, „niemand der etwas tut“, und „niemals ist etwas geschehen“. Also bitte: nimm dich und dein Leben und das was dir geschieht nicht so wichtig, denn es ist eh alles nicht wahr. Punkt.

Und das ist die schöne Erkenntnis, die natürlicherweise jeden frisch Erwachten erstmal „flasht“, dass es mich gar nicht wirklich gibt, dass ich unendliche Weite bin, dass ich der Kosmos bin, das All, das Alles und Nichts, Gott. Wunderbar, diese Erkenntnis zu kosten und in ihr verweilen zu dürfen.

Und die große Ein-samkeit, die diese Erkenntnis schenkt, die Leere und Weite vertreibt alle Gedanken und Gefühle und verweist sie ins Reich des Irrealen. Diese Weite ist nun immer präsent, immer da und wird nun mein neuer Bezugspunkt. Ich erlebe mich als unendlich, als nie geboren und von diesem Standpunkt aus als unsterblich, als allwissend. Weisheiten überfluten mich, denn das kleine Ich als Trugbild erkannt zu haben macht mich weise und ein ganzes Stück reifer als vorher. Ich weiß nun, was mich in meinem alten Leben gequält und gefoppt hat: das kleine Ich ernst zu  nehmen und es zu glauben. Ich verankere mich im Absoluten und finde hier meine neue Heimat. Mein neues Credo lautet: Ich bin das Absolute.

Soweit sogut. Und dann kommt das Leben mit neuen Erfahrungen und rollt ab – so wie immer. Mir begegnen Menschen, und ich trete wieder in Kontakt. Und nun stehe ich vor der Aufgabe: wie kann ich in dieser nachwievor dualen Welt in Kontakt sein und gleichzeitig mein Einssein und diesen Geschmack von Weite bewahren? Geht das überhaupt? Mit der Zeit stelle ich fest, dass Kontakt mich aus meinem Gleichgewicht bringen kann. Menschen sagen Dinge, die mir nicht gefallen, sie erwecken in mir Gefühle, die mir unbehaglich sind, und manchmal ist mir etwas so zuwider, dass ich dringend, ja zwanghaft aus dem Kontakt gehen muss. Etwas in mir re-agiert auf die Welt, auf Menschen und Erfahrungen.

Was reagiert da? Es ist meine Konditionierung, es sind meine alten Erfahrungen, Wunden von denen ich möglicherweise gar nichts mehr weiß, an die ich mich kaum erinnern kann, weil es so lange her ist. Ich bin noch mehr als früher sensibel für Unstimmigkeiten, für das was nicht passt, für das was mir stinkt, was ich nicht will. Reaktionen, die aus meiner Traumatisierung fließen (fast alle Menschen sind traumatisiert) laufen nach wie vor ab, ganz egal ob Erwachen geschehen ist oder nicht. Ich bin genauso beziehungsunfähig wie eh und je, doch nun ist es erheblich leichter, allein zu bleiben und ohne Partner. Denn da kann ich mich ganz dem Absoluten hingeben. Da stört mich auch niemand dabei, die Weite zu genießen und mich mit mir und dem All eins zu fühlen.

Und am Liebsten möchte ich nie wieder einen Standpunkt einnehmen müssen, denn dann müsste ich ja Ich sein. Das wäre doch ein Rückschritt… Das würde mich aus dem Absoluten werfen, und das will ich nicht, denn das Absolute ist mein neues Credo, mein Bezugspunkt. Ich sitze in meinem Elfenbeinturm. Da ist niemand, und es ist nie etwas geschehen. Und oft genügt es auch nicht das einfach nur zu erkennen, sondern ich predige dies nun jedem, der mir begegnet.

Doch sind diese Aussagen dienlich in einer dualen Welt, in der wir uns doch irgendwie aufeinander beziehen müssen? Wir sind doch nicht alleine auf der Welt. Wer mit anderen Menschen in Beziehung gehen will, muss einen Standpunkt einnehmen, anders ist Beziehung nicht möglich. Wie auch immer diese Beziehung geartet ist, ich muss einen Standpunkt einnehmen. Wenn mich ein Löwe angreift, muss ich reagieren, ich muss mich auf ihn und die Situation beziehen. Wenn ich mir statt zu flüchten nur vor erzähle, dass nichts geschieht, all das nicht wahr ist und stehen bleibe, bin ich schnell tot. Also bin ich doch da? Gibt es mich doch? Verflixt!

Es gibt da ein großes Missverständnis. Obwohl Advaita „Nichtzwei“ heißt, trennen so viele zwischen dem Absoluten und der Dualität. Das Absolute wird als einzig gültige Wahrheit interpretiert, die Dualität als Maya klassifiziert und folglich abgelehnt. Das Absolute ist wahr, die Relativität jedoch nicht.  Wie kann das sein? Ist da nicht ein Bruch, eine Unsauberkeit, ein Haken? Kann das wirklich stimmen? Die Dualität ist nicht wahr? All das was mir geschieht unwirklich?

Nein. Wenn es überhaupt etwas Wahres gibt, dann ist ALLES wahr. Das Absolute UND die Dualität. Und zwar im Jetzt, da wir nur dieses Jetzt erleben können. Beides ist wahr, ist wichtig und ist ernst zu nehmen – nicht nur eines von beiden.

Wie konnte es zu diesem Missverständnis kommen? Diese Leere und Weite nach dem Erwachen muss irgendwie gefüllt werden. Es ist ein Reflex, sich wieder mit etwas zu identifizieren, und der Verstand ist unendlich trickreich dabei, sich die Dinge schön und passend zu reden. Außerdem möchten wir alle wichtig sein und von Bedeutung. Und erwacht zu sein und (scheinbar) über den Dingen zu schweben, sie endlich los zu sein, gibt uns ein gutes Gefühl. Wir sind endlich „durch“. Auja. Geil!

Doch halt, könnte es nicht vielleicht sein, dass ich mich im Absoluten verlaufen habe, weil ich mich damit identifiziert habe? Ich habe mich mit einem neuen riesigen Ich identifizert, „Ich bin DAS“. Und was ist DAS? Natürlich das Absolute. Und was ist das Absolute? Na, logisch: diese Weite und Unendlichkeit. Und diese kleine blöde Dualität ist dummerweise immer noch da und will mich ständig ablenken. Doch da schiebe ich den Riegel vor und sage: tschüs du schnöde Welt, du kannst mich mal, ich mach jetzt mein Ding. Und wer nicht mit kommt kann mich mal.

Wie schade, wenn wir diese Dualität so gar nicht wert schätzen können. Sie ist doch unsere derzeitige Heimat… Menschliches, seelisches Wachstum ist in dieser Dualität möglich, wenn wir uns ihr ZUWENDEN. Sie ist doch gar nicht getrennt vom Absoluten! Sie ist das Absolute selbst – und zwar das Absolute in Bewegung! Die Dualität ist das Absolute, und das Absolute ist die Dualität. Ganz einfach. Und da gibt es nichts was mehr oder weniger wertvoll wäre.

Das Absolute ist sowieso immer da. Die Dualität ist unser Wirkungsfeld und unser Aufgabengebiet. Das Erwachen bietet keinerlei Trauma-Lösung. Es macht das Ertragen der eigenen Struktur leichter, doch es löst nicht wirklich alles auf. Und der Weg tiefer/höher ins Absolute, Über-Irdische führt von den Menschen und von der Dualität weg. Doch Menschsein hier im Körper bedeutet In-Beziehung-sein, miteinander sein, füreinander und für sich selbst. Austausch, sich spüren, Körperlichkeit, sich mit-einander aus-einander setzen, lernen, reifen, aneinander wachsen.

Wenn ich immer im eigenen Saft schmore und mich im Absoluten sonne, lerne ich nur minimal dazu. Wenn ich jedoch in Beziehung gehe, eröffnet sich ein riesiges Feld.

Es ist meine Beobachtung, dass sehr viele Erwachte beziehungsunfähig sind. Sie ziehen das Absolute vor und negieren die relative Ebene, die Dualität. Beziehungen werden versucht aber scheitern schnell wieder. Es ist einfach so, dass Erwachen nicht wirklich alles heilt und unsere alten Muster weiter spielen. Was viel mehr heilt, heilen kann ist menschliche Nähe und Wärme, achtsamer Körperkontakt, sich halten, Sicherheit fühlen, sich streiten und wieder vertragen, auch physisch miteinander ringen, spielen, schmusen, streicheln, Sex genießen. Traumatisierte Menschen halten sich meist am liebsten im Kopf auf, weil der Körper als zu bedrohlich erlebt wurde. Doch um aus traumatisch getriggerten Zuständen heraus zu kommen, muss ich in diese Realität, Dualität, in diesem Körper hinein tauchen, brauche ich für mich positive und kraftvolle körperliche Reize.

Um traumatische Erfahrungen zu heilen braucht man immer wieder Körperkontakt – möglichst in einer sicheren, vertrauenswürdigen Beziehung, in einer sicherer Umgebung, unter sicheren Umständen. Angenommen sein, geliebt sein, genährt werden – und all das auch jemandem geben bietet Heilung.

Völlig kontraproduktiv ist es für traumatisierte Menschen, wenn sie sich immer wieder der Leier von „da ist niemand“ aussetzen. „Da ist niemand“ dient letztlich der Abspaltung vom Menschsein, vom Körper. „Da ist niemand“ ist keine Lösung für meine Depressionen, für meine psychischen Schmerzen, für die Gedankenketten und Projektionen, die immer wieder ablaufen. Denn die haben ihre Ursachen eben in diesem JEMAND, der ich auch bin, der auch wichtig ist, der seine Daseinsberechtigung hat. Dieser Jemand hat Erfahrungen gemacht, die ihn geprägt haben, die seine Psyche strukturiert und vielleicht tief verletzt haben.   Dieser Jemand ist dieser Körper, der vielleicht geschlagen wurde, malträtiert, verletzt, der unendlich einsam war und hilflos Gewalten ausgesetzt. Dieser Körper möchte heilen, die Muskeln, die Zellen, der Verkrampfungen im Psoas und das innere Kind – das Absolute hat nicht die Macht dazu. Das Absolute ist per se (ohne die Dualität) machtlos.

Also ergreifen wir doch die Dualität als Chance, als Wirkungsfeld, und sind wir dankbar dafür, dass wir noch HIER sind und leben, lebendig in einem Körper. Wie wunderbar: ein Körper mit Sinnen, der spüren kann, Haut, Wärme, Atem eines anderen Menschen, seinen Herzschlag, sich geborgen fühlen und das kleine Kind  in uns Stück für Stück aus seinem Kerker befreien. Lassen wir uns doch ruhig von der Dualität hin und wieder aus dem Gleichgewicht bringen und suchen wir nach Lösungen IN der Dualität – die gibt es!

Sich dem Leben wieder zuwenden mit Haut und Haaren, eintauchen in das was geschieht ohne die Angst, sich vielleicht zu verplappern und aus Versehen „ich“ zu sagen…  sondern Ich SEIN und Ich leben, mit diesem speziellen Strickmuster, zutiefst IN dieser Welt. Sich kein Krönchen aufsetzen, sondern einfach Mensch sein. Mit Fehlern behaftet, unvollkommen, aber ganz und gar Hier.

 

Kopfsprung

Bildquelle: Didi01  / pixelio.de

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Heiler Pjotr Elkunoviz

Vor fünfzehn Jahren…

Es ist schon 15 Jahre her, als ich zum ersten Mal auf den Heiler Pjotr Elkunoviz stieß. Ich weiß nicht mehr, wo ich von seinen Heilungen las und Bilder sah, doch ich erinnere mich, dass er mich schon damals tief beeindruckte. Der in Moldavien geborene Mann, der gebrochenes Deutsch spricht schien mir authentisch, und die begeisterten Klienten sprachen für sich. Schon damals fühlte ich mich angezogen, doch ich wurde abgelenkt und verlor ihn wieder aus meinem Gesichtsfeld. Als ich im Frühjahr 2014 durch Zufall auf einen Film über ihn stieß, der im SWR gelaufen war, traf es mich wie ein Schlag, und ich wusste: Ich muss diesen Menschen kennen lernen und mich, wenn möglich, behandeln lassen. Weiterlesen »

Da sitzen Menschen, die sich für nicht erwacht halten, meist einem oder mehreren Menschen gegenüber, die sich für erwacht halten, währen die letzteren davon erzählen, wie es ist erwacht zu sein, und wie man sich im Prinzip einfach nur auszurichten hätte, um ebenfalls erwacht zu sein. Erwacht, ja, das klingt gut! Es ist allerdings noch viel einfacher: man ist es ja schon längst und merkts einfach noch nicht!!!!! Weiterlesen »

Endlich die Wut….

Ich dachte mir, ich mache mal wieder einen Blog-Beitrag, nach langer Pause.

Kurzer Hinweis zuvor:

Meine Kindheit war die Hölle, ich wurde zwar nicht sexuell missbraucht, doch litt unter Schlägen und Gebrülle meines (selbst schwer traumatisierten) Vaters. Meine Mutter glänzte bei diesen Gelegenheiten durch Schweigen und stilles Erdulden. 16 Jahre war ich permanenter Bedrohung und Gewalt ausgesetzt, von daher leide unter einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und bin dabei, mich mit Hilfe von Achtsamkeit (Focusing) zu heilen… ja, es geht schon viel besser!!! Hier ein kleiner frischer Auszug aus meinem Tagebuch und dem Prozessgeschehen…: Weiterlesen »

Diese Methode ist hochwirksam, effektiv, kostenlos und könnte ein Segen für alle traumatisierten Menschen sein, wenn sie bekannter würde und angewendet würde. Wir leben in einer Welt voller traumatisierter Menschen, die mit ihren ungelösten Traumata wiederum andere Menschen traumatisieren – die gegenwärtigen Geschehnisse in der Welt zeigen das überdeutlich. Mit dieser Methode könnte viel, viel Leid verhindert und verringert werden, weil es hilft, die Spannungen aus den Traumata abzuleiten und zu lösen.

Die Traum (a) Seite

David Berceli Ph.D.

 David Berceli ist ein weitgereister Mann der sein Heimatland schon als junger Mann verlassen hat um sich auf der Welt umzusehen. Er hat in Kriegs – und Katastrophengebieten gelebt und gearbeitet. Er hat beobachtet, wie Menschen verschiedenster Kulturen und Sprachen mit traumatischen Situationen umgehen, wie sie sich selbst helfen wenn keine Hilfe von aussen kommt und wie lange es dauert, bis sie wieder ein normales Leben fuehren.

Seine Erkenntnisse sind bahnbrechend im Verstaendnis von Trauma – wobei Trauma natuerlich nicht nur einen psychologischen Zustand beschreibt sondern auch jegliche innere und aeussere Verletzung des Koerpers. 
 
Traumatische Erlebnisse werden definiert als eine Reiz- und Sinnesueberflutung auf die der Koerper mit Schutzmechanismen reagiert. (Muskelkontraktionen und die vermehrte  Ausschuettung von koerpereigenen Stoffen) Diese sind nicht bewusst steuerbar und nur bedingt zu beeinflussen und gelten fuer alle Menschen ueberall. Individuelle Unterschiede in der Reaktion auf die Ausschuettung von Adrenalin, Dopamin, Serotonin…

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Trauma

Es geht turbulent zu in meiner Psyche, jetzt schon länger und immer wieder. Die alten Traumata (eine Kindheit voller Gewalt und Bedrohung) beherrschen mich stellenweise mit großer Macht und machen mich nicht nur unglücklich, sondern setzen manchmal auch meinem Partner zu – dann wenn ich ihm meine negativen Gedanken erzähle. Weiterlesen »

Was ist Erwachen?

Es ist nicht leicht, etwas zu diesem Begriff zu sagen. Zu viel ist schon dazu gesagt worden, zu hoch wird er gehängt, zu viele Sehnsüchte weckt er, zu viele Illusionen sind mit ihm verbunden.

Im Buddhismus gibt es die schöne Allegorie vom „Eintauchen in den Strom“. Es kann als unvermittelter Sprung oder wie ein sanftes Hineingleiten empfunden werden. Der Effekt ist der Gleiche: man landet im Wasser (im Jetzt), und dort geht der Weg weiter. Da gibt es Strömungen, Stromschnellen, Wasserfälle, allerlei Gefahren oder auch das tiefe Meer, ein klarer See… der Weg geht so individuell weiter wie er vorher auch war. Und der Erkenntnisprozess hört nicht auf. Weiterlesen »